Axiomy Verlag
Cover Die Festung von Prizren

Riat Ajazaj: Die Festung von Prizren – Erzählung

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Produktbeschreibung

Erhältlich ab 22. April 2017

~ Großdruck ~

„Wo war ich? Ich war weit weg.“

Der Strom der Zeit macht vor niemandem Halt. Auch nicht vor dem Erzähler, der sich nach Jahren wieder in seinem Geburtsort Prizren wähnt. So viel hat sich verändert und so viel ist geblieben, wie es einst war. Doch am meisten hat sich der Erzähler verändert – vor allem in seinem Denken. Begegnungen von einst erhalten neue Bedeutungen, Worte von damals wiegen schwer.
Liebe, Schmerz, Trennung und Wohlgefallen – verschiedene Dinge, die der Erzähler mit seiner Vergangenheit und jener der Festung von Prizren verbindet. Es ist eine Wanderung durch die Epochen der Zeit, aber auch ein Vorausschauen und Hinterfragen. Eine Ermutigung, nicht alles hinzunehmen und zu glauben. Der Zuspruch, sein eigenes Weltbild zu erschaffen, seine eigene Meinung zu vertreten und den Mut zum Frieden im Herzen zu tragen.

„Nur hier wurde das möglich, nirgendwo anders waren sie so nahe am Leben und so gut aufgehoben wie hier.“

Weitere Informationen

Gewicht 212 g
Format

EPUB, MOBI, PDF, Taschenbuch

Über den Autor

Riat Ajazaj

Riat Ajazaj

Schon als Kind hatte ich ein starkes Bedürfnis, die Geschichten meiner älteren Verwandten zu hören. Geister, unmögliche Schicksale und Tod durchwanderten diese Geschichten. Das war in der Stille des Dorfes wie ein spannender Thriller. Außer den Handlungen, blieben in meinen Ohren und Augen die Stimmen  dieser Erzähler, die Gefühle, die Körpersprache, die Wahrnehmung der Kleider, die des Wetters oder der Jahreszeit, des Alters …

Später, während des Studiums in Prishtina und in Tübingen, lernte ich auch die geschriebenen Geschichten ausführlich kennen. Längere, schönere und geistreicher waren sie. Heute lese ich sie weiter. Beim Schreiben vermischen sie sich in mir. Die geschriebenen Geschichten kommen mir manchmal wie längere Gespräche vor.

Außerdem möchte ich in einer geschriebenen Erzählung ein möglichst lang bleibendes Gespräch konstruieren. Ein Gespräch eben, das die Fähigkeit besitzt, es immer wieder neu anzufangen. Und davon haben wir nicht genug.

 

Buchtrailer

Leseprobe

Ich ging durch die Altstadt. Die alten Pflastersteine aus der Zeit der Türken, die kleinen Läden, der Brunnen in der Mitte, die Gelassenheit der Passanten trugen dazu bei, dass ich die wohltuende Energie, die dieser Ort ausstrahlte, spürte. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Menschen nach dem Krieg nun erleichtert und vor allem freier fühlten. Ich hörte den Ruf des Muezzins und die Kirchenglocke, ich lächelte. Ich war gerne da. Und da ich nun wieder an diesem Ort war, wollte ich unbedingt auch das Wasser aus dem Brunnen trinken, wie ich es als Schuljunge einst getan hatte, wenn ich mit meiner Mutter zusammen in die Stadt ging. Das Wasser dort hatte mir immer gut geschmeckt. Nachdem ich getrunken hatte, beobachtete ich das Fallen des Wassers auf die Pflaster­steine und betrachtete die zufällig vorbeikommenden Passanten, die sich dem Wasserrohr näherten. Ich schaute auch zu den kleinen Geschäften hinüber, die in den Sommermonaten Hochbetrieb hatten, da viele Emigranten aus reichen Ländern zurückgekehrt waren und ihr Geld da ließen. Sie waren gut gelaunt, lachten und redeten angeregt mit ihren Begleitern. Sie saßen in Cafés, aßen gemütlich in Restaurants, kauften Goldschmuck und andere Dinge in den unzähligen Läden. Sie waren gut gekleidet und machten einen fröhlichen Eindruck.

Vor und neben mir wanderte eine Gruppe von Personen. Es waren Leute vom Land, wohl eine Familie, die Kleider und Goldschmuck für eine Braut einkaufen wollte. Sie redeten von der Hochzeit und den Vorbereitungen, die getroffen worden seien, über das Restaurant, das sie bereits gebucht hatten. Der Bräutigam,-offensichtlich der Sohn der Familie, ging Hand in Hand mit seiner Verlobten. Die beiden strahlten Freude und Zuneigung aus, man sah ihnen an, dass sie ineinander verliebt waren. Der junge Mann trug ein weißes Hemd und war um eine Handspanne größer als die junge Frau. Sie trug einen Blazer und hatte ihre Sonnenbrille in die Haare gesteckt. Sie hatte grüne Augen und eine lange etwas schiefe Nase. Ihre Haare fielen ihr bis auf die Schultern. Sie trug ein langes feines Kleid und Römersandalen. Sie hatte ein gewinnendes Lächeln, was dem jungen Mann wohl auch gut gefiel. Er sagte ihr lächelnd zärtliche Worte. Auch er hatte eine gebogene Nase und ein längliches Gesicht. Seine kurz geschnittenen Haare ließen ihn sportlich und fit aussehen. Beide jungen Leute waren schlank. Die Verwandten nannten ihn beim Namen. Seine zukünftige Frau ebenso. In der Altstadt verlangsamten sie ihre Schritte, wahrscheinlich um die angenehme Atmosphäre dort auf sich wirken zu lassen. Die Tante wollte unbedingt einen Kaffee trinken. Sie sei ein wenig erschöpft. Sie sprachen einen schönen gegischen Dialekt, doch ich ließ sie alleine, denn etwas anders hatte meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Ich wollte wie bei jedem Besuch die Steinbogenbrücke, die wenige Schritte von den Goldläden entfernt war, wiedersehen. Als ob ich Sehnsucht nach ihr gehabt hätte und sie sehr vermisst hätte. Ich hatte inzwischen auch andere Brücken kennengelernt, größere und breitere, mit einem noch tieferen und ruhigeren Fluss unter sich, und dennoch war mir die Steinbogenbrücke hier in bester Erinnerung. Denn sie war für langsame Schritte gebaut, nicht für schnelle. Sie war wie von der Natur selbst erschaffen, um kurz über dem Wasser zu stehen und es zu genießen. Als ob die Natur selbst es wünschte, dass der Mensch nicht nur am Flussufer stehen und so das Fließen erleben konnte, sondern auch über dem Fließen des Flusses stehen durfte. Auf mich wirkte es so, als ob Steine im Laufe der Zeit an beiden Ufern sich angestaut und über der Mitte des Flusses einen Bogen geformt hätten, damit sie einander Halt geben könnten und Millionen Schritte seit den Jahrhunderten ihres Bestehens über sie gehen konnten. Es waren starke und stabile Steine. Es sah so aus, als ob mitten in der Stadt ein Stück wahre Natur zu erleben wäre. Die menschliche Hand, die für den Bau dieses Werkes verantwortlich war, war kaum zu erkennen. Es war gleichsam ein vollkommenes Kunstwerk, ein Gedicht, eine Erzählung. Eine Kreation, von der eine gute Energie ausging. Nach einer Weile ging ich auch über die bekannte osmanische Steinbogenbrücke, nicht, um einen kürzeren Weg zu nehmen, sondern weil ich auf sie treten und die Steine in meinem Körper spüren wollte, die vor Jahrhunderten zusammengetragen worden waren. Ich blickte auf meine Schuhe, die die Steine berührten, die von der Zeit gewaschen worden waren, und mir fiel wieder ein, wo ich sie gekauft hatte. Ich überlegte, ob sie zu der Farbe der Steine und der Hose passten, sowie zur schwarzen Farbe des T-Shirts. Ich überquerte die Brücke mehrmals und kehrte wieder in die Altstadt zurück.

Vor mir ging eine Frau, die einen Hund an der Leine führte. Es musste ein West Highland White Terrier sein. Die Frau war bestimmt zu Besuch und hatte aus dem reichen Westen ihren Hund mitgebracht. Man merkte es ihr sofort an, dass sie tierlieb war und ihren weißen Hund nicht aus den Augen lassen wollte. So zog sie an der Leine, wenn sie in einen Laden gehen wollte. Als der Hund am Brunnen Wasser trinken wollte, ging sie mit und beugte sich über ihn. „Charlie, Charlie“, sagte sie immer wieder zu ihm und lächelte den Passanten zu, die den beiden zuschauten. „Komm zu mir, komm zu mir du frecher Bub …“ Charlie machte ein kluges Gesicht, als könne er alles verstehen. Ich berührte seinen kleinen Kopf. Dann ging ich an Geschäften vorbei, an Bäckereien, kleinen Restaurants, wo es unter anderem auch gegrilltes Fleisch zu essen gab, an Einkaufszentren, Boutiquen und Friseursalons, wo alles schön ordentlich und gut gepflegt aussah. Als Schüler und auch später als junger Mann ging ich oft in einen Laden, der eine Mischung aus Eisdiele und Konditorei war und die Aufschrift Ambeltore trug. Ich aß dort süße Stückchen wie Baklava und ähnliches Gebäck, das ich so lecker fand. Dazu trank ich eine Limonade oder ein Getränk, das Boza hieß. Der aus Getreide hergestellte Saft schmeckte gut und stillte den Durst. Das Eis dort schmeckte ebenfalls gut und war weithin bekannt wegen seiner Qualität. Fast auf Schritt und Tritt kam man an einem Geschäft vorbei. Die Preise waren immer günstig.

An der Brückenseite zur Altstadt hin standen in den kalten Jahreszeiten Kastanienverkäufer, die auf einem einfachen Ofen Kastanien rösteten und sie in kleinen Papiertüten, meist aus Zeitungspapier, verkauften. Den Duft der gegrillten Kastanien roch man schon von weitem. Die Leute hielten die Tüten in der Hand und aßen die heißen Kastanien. Man konnte sich damit auch auf die kleine Mauer am Fluss setzen, um sie in aller Ruhe zu essen. Diese Flussmauer war lang und wurde viel genutzt, falls man nicht an einem Restauranttisch Platz nehmen wollte. Die Leute wechselten manchmal einige Worte mit dem Kastanienverkäufer, fragten, ob er die Kastanien noch mal heiß machen könnte, oder ob sie Würmer hätten und faul wären, ob die Kastanien gut wären, aus der eigenen Region stammten oder auch, ob er die Tüte besser füllen könnte. Die Kastanienverkäufer waren meist ältere Menschen, die etwas zu ihrer spärlichen Rente dazuverdienen wollten. Es gab aber auch jüngere Leute, die keine Arbeit hatten und nur vom Kastanienverkauf lebten. Da es um diese Jahreszeit kalt war, hielten die Verkäufer ihre Hände über die heiße Asche und die Glut.

An der Brückenseite zur Altstadt hin gab es aber auch Stände, wo kleine Plastikprodukte und Kinderspielzeug oder Handarbeiten aus Holz oder Stein sowie Fähnchen verkauft wurden. Aber auch Schlüsselanhänger, alte Musikinstrumente, wie Flöten, Okarinen und Saiteninstrumente, sowie Festungsbilder und Bildnisse von der Mutter Theresa konnte man dort kaufen. Sehr beliebt waren der doppel­köpfige Adler und Bilder von dem behelmten und bärtigen Nationalhelden Skanderbeg. Für die Kinder gab es kleine Eimerchen, Schäufelchen, Bälle, Enten, Bagger, Pistolen mit Kügelchen und Autos verschiedenster Art. Die Leute nahmen die meisten Dinge aber nur in die Hand, um sie zu begutachten. Es gab mehr Schaulustige als Käufer.

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