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Riat Ajazaj: Der Sarg von Prishtina – Erzählung

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Produktbeschreibung

Erhältlich ab 22. April 2017

~ Großdruck ~

„Die Gedanken und die Bilder im Kopf wiegen schwer.“

Das Leben und der Tod. Unzertrennlich miteinander verwoben, gehen sie Hand in Hand und machen vor keiner Seele Halt.
Der Erzähler nimmt den Leser mit in seinen Garten, reflektiert über das Vergehen des Körpers. Hier bleibt ihm nichts verborgen. Seine Augen werden geöffnet, er hört das Jammern der Klageweiber und weiß, dass so viele Tode zu Unrecht geschehen sind. Er klagt die Gewalt in der Welt an und erkennt, dass das Sterben mit der Geburt beginnt.

Als kleines Kind wurde ich in eine Wiege gelegt. Sie war aus Holz und war mit kleinen Blütenblättern bemalt. Mit einem dicken Pinselstrich war schnörkellos und deutlich das Wort Mashallah aufgetragen, was so viel bedeutet wie: Wunderschön, Gott schütze dich oder Gott sei mit dir.

Weitere Informationen

Gewicht 212 g
Format

EPUB, MOBI, PDF, Taschenbuch

Über den Autor

Riat Ajazaj

Riat Ajazaj

Schon als Kind hatte ich ein starkes Bedürfnis, die Geschichten meiner älteren Verwandten zu hören. Geister, unmögliche Schicksale und Tod durchwanderten diese Geschichten. Das war in der Stille des Dorfes wie ein spannender Thriller. Außer den Handlungen, blieben in meinen Ohren und Augen die Stimmen  dieser Erzähler, die Gefühle, die Körpersprache, die Wahrnehmung der Kleider, die des Wetters oder der Jahreszeit, des Alters …

Später, während des Studiums in Prishtina und in Tübingen, lernte ich auch die geschriebenen Geschichten ausführlich kennen. Längere, schönere und geistreicher waren sie. Heute lese ich sie weiter. Beim Schreiben vermischen sie sich in mir. Die geschriebenen Geschichten kommen mir manchmal wie längere Gespräche vor.

Außerdem möchte ich in einer geschriebenen Erzählung ein möglichst lang bleibendes Gespräch konstruieren. Ein Gespräch eben, das die Fähigkeit besitzt, es immer wieder neu anzufangen. Und davon haben wir nicht genug.

 

Buchtrailer

Leseprobe

Es war ein besonderer Tag, ein Tag, den man ein Leben lang nicht vergisst. Der Sarg war vor dem Altar aufgebahrt. Der Sarg war zugedeckt, Blumen lagen auf ihm. Ein Sarg wie viele andere, ein helldunkler, schlichter Sarg. Alle blickten auf ihn. Alle, auch der Priester, als stünde er vor einem Leichnam und nicht vor einem leeren Sarg. Da es sehr viele Trauergäste gab, mussten­ viele draußen bleiben und auf dem Kirchhof oder auf der Straße warten. In den letzten Tagen war viel davon die Rede gewesen. Viele fühlten sich angesprochen und wollten sich dem Leichenzug anschließen. Aus den Fenstern der Hochhäuser beobachteten Menschen neugierig das Geschehen. Einige wunderten sich, dass der Sarg in eine katholische Kirche gebracht worden war. Man hätte diesen genauso gut in eine Moschee oder in eine Tekke (ein Sufizentrum) bringen können …
Während ich vor der Kirche wartete, ­blickte­ ich auf die Mauern der Häuser. Ich sah sie, und ich sah sie nicht. Die Sonne schien und glitt wie ein Kamel über die Köpfe der versammelten Menschen hinweg. Ich wusste nicht, warum ich da war. Warum ich nicht in meinem Zimmer geblieben war, um mich mit etwas anderem zu beschäftigen. Warum ich nicht im Haus meiner Eltern war, im Dorf, weit weg von all dem hier, im Schatten ferner Räume unterhalb eines Bergwaldes. Ich frage mich immer noch, warum ich damals dort war und nicht woanders, an einem ­anderen­ Ort, in einem anderen Land. Ich sah die Menschen, die vor der Kirche standen, als ob ich verstehen wollte, warum sie vor dem leeren Sarg standen. Oder irgendetwas begreifen wollte, etwas was tief­gründiger und schwer zu fassen war. Ich bilde mir ein, ich hätte damals in den Gesichtern der versammelten Menschen etwas gelesen. In Wahrheit war ich wohl verwirrt, wegen dem, was sich ereignet hatte. Ich muss schockiert ge­wesen sein und hatte mich wohl naiv gefragt, wie das alles geschehen konnte, wie Menschen so böse sein konnten. Auch wenn ich die ­Frage­ nach der Unfähigkeit der Gesellschaft, der Gewalt Einhalt zu gebieten, hätte be­antworten können und Gründe dafür hätte angeben können, so wäre es doch schwer gewesen, etwas dagegen zu unternehmen. Ich betrachtete die Menge.­ Mir war, als würde ich die Klagefrauen meines Dorfes sehen, meine Verwandten, die einen Toten beklagten. Zum Abschied von dieser Welt ein nochmaliges, vielleicht nur kurzweiliges Erinnern. Ein Zurückrufen ins Leben, bevor man den Leichnam in den Sarg betten würde. Die Klagefrauen erzählten in ihren Klagen von dem Toten. Auch Dinge, die noch nicht gesagt worden waren, sollten in der Stunde des Abschieds gesagt werden. Ein letztes Erzählen vor dem Leichnam, als wäre die Anwesenheit des verblichenen Körpers unbedingt notwendig bei diesem einmaligen Erzählen.
In der Wiege zu liegen und von der Mutter oder von anderen gepflegt, geschaukelt oder gestillt zu werden, löst glückselige Gefühle aus. Anders als das Sterben, wenn die Menschen in Särge gelegt werden und zur letzten Ruhestätte geleitet werden, ob im hohen Alter (meistens ist es so) oder bei einem frühen und unerwarteten Tod nach einem Unfall, einer Krankheit oder in einem Bürgerkrieg. In solchen Fällen sind die Betroffenen auf fremde Hilfe angewiesen. In beiden Fällen gibt es Gleiches. Das Holz. Nach wie vor wird hauptsächlich dieses Material verwendet, für die Wiege und den Sarg. Dann die Position des Körpers. Das Kleinkind und der Leichnam liegen auf dem Rücken. Die Augen des Kindes in der Wiege blicken nach oben, wenn es noch nicht eingeschlafen ist, und sind geschlossen, wenn es schläft. Die Augen des Toten werden geschlossen, er kann sie nicht mehr öffnen. Die Beine und die Arme sind bei beiden gestreckt. Bei muslimischen Bestattungsritualen wird der nackte Leichnam in ein weißes Tuch gehüllt. Das kleine Kind ist fast nackt oder nur ganz leicht bekleidet. Beide Körper werden von den Händen anderer Menschen versorgt. Von den Händen der Mutter oder auch vom Vater, wenn sie das Kind wiegen und von den Händen der Verwandten und Freunde, wenn sie den Leichnam zu Grabe tragen. Beide Körper werden gewaschen und gereinigt. Die ­Wiege­ ist ein offener und schaukelnder Sarg. Die Frauen meines Dorfes sagten, Kinder seien anfälliger für Krankheiten als Erwachsene, und der Tod könne sie schneller dahinraffen. Der Sarg ist geschlossen und flach. Die Wiege ist klein. Der Sarg kann klein sein, ist aber meistens groß. Die Wiege bleibt zuhause, auch wenn das Kind groß wird, der Sarg kann nur kurze Zeit im Haus bleiben oder auch gar nicht, da heute die Särge in einer Leichenhalle aufgebahrt werden, bevor sie auf dem Friedhof in einem Grab beigesetzt werden.

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